TEXTE (FRANKFURT/M.)

ausgewählte arbeiten
1980-2008

Schneefleck

Frühlingsvergessen
einsam modernd
umlungert von Erwachen
und Erblüh´n
Schwindend
belagert von Trieben
und Entsteh´n

Die Sonne küsst Dich
und lässt dich vergeh´n

Michael Weber, Frankfurt im März 2009

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Der Wind

streicht zärtlich meine haut

sanft schimmerndes sonnenlicht
eine berührung fast

der schatten eines kusses
flüchtet hinaus aufs meer

vom ufer winken liebende durchs flirrende gold

tanzenden skeletten gleich

die see bläst zarte wellen an mein boot
legt für sekunden pfähle
wie bemooste zähne frei

wäre ich Jobim deckte ich diese szene
mit einem milden bossa zu

dann lobte ich mein altes boot

erotischer hüftschwung
im atmenden nass

zeitvergessen
treibe ich hinaus

träumend sterbe ich
um neu zu entstehn´

Michael Weber, Frankfurt im Mai 2009

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Rue Prevail

Wo Einsamkeit wohnt

zerfallene Häuserschluchten

Straßenkehrer fegen verlorne Stunden vor sich her

Rue Prevail
und kleine Bars
mit einer Träne
zwischen Angel und Tür

grobe Kerle und geschlagne Mädchen
fallen in Betten

schwitzend werden Körper
auf klebrigen Matratzen zu Geld gemacht

die zerdrückte Kakerlake an der Wand
modert stilvoll auf vergilbtem Hintergrund

sie verging
als Alles längst vergangen war

Michael Weber, zwischen 1980 und 1990

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sturmliebe

Sturm peitscht uns durch Nächte
voller Schmerz

1000 trockne Tränen
rieseln zu Boden

Wind krümmt mich
nach Dir dürstend
das Tränensalz zu lecken

fremde Wege
geht die Liebe

Michael Weber, Frankfurt 17.11.2002

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straßenecke

Eben noch eilig
harrst Du für Sekunden
während der Verkehr erstirbt

alles Treiben stoppt

das Leben
schenkt Dir Einblick in die Zeit
die ewig ist den Betulichen
und die entgleitet in der Hast

Eine Sekunde kann ein Hauch sein

oder die Ewigkeit

Michael Weber, Frankfurt den 12.01.2002

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shirley horn

Stimme
erhaben
endgültig
schwebend über Pianotupfern
Besen gestrichen
tief
traurig
unendlich schön
Wahrhaftigkeit
schimmert durch verdrängt alltägliche Ordnung
lässig gespieltes Muss
Trost der tapfren kleinen Seele
leise weinend
Momente
schmerzhaft wirklich
nackt auf Seide
selbstumschlungen
als hätt die Zeit spurlos sich verzogen
alterslos
doch eingehüllt in all die Jahre

Michael Weber, Frankfurt den 12.01.2002

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momentmal

Stille Momente
ruhiges Glück

mein Altar

fröhlicher Verzicht

Nichtbenötigtes nicht benötigen

akzeptieren der Vergänglichkeit

Trost empfinden

ohne Bitternis lieben

Das Leben ist ein Blatt
Ein Stein
Ein Krak´

Michael Weber, Frankfurt den 02.02.2002

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ich

möchte schweifen
strotzen
protzen

will das Leben sehen, riechen, fühlen
ganz genau

möchte lustvolle Momente
skelettieren
erforschen
schmecken

zugreifen

nehmen
fordern

keinesfalls im Fluge rudernd
erahnen müssen
was könnte
und nicht ist

Michael Weber, Frankfurt den 12.01.2002

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für bill henderson und johnny hartman

Schnelle, schmutzige Stadt
billig-staubige Hotels

dein zerschlissen weitgereister Lederkoffer und Du

die Nacht kommt
und der Regen

den beleuchteten Straßen
lachen Verliebte
straucheln Einsame

saug Alles in Dich auf, Sänger
steig hinab in Deine Gruft
wo Du vor Gesichtslosen
dein Leben versingst

dein Herz bricht
wo Schönheit dich erstickt
die keiner sieht

Michael Weber, Frankfurt den 12.01.2002

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fremdvertraut

Fremdvertraut erbrichst Du
dein Geschundensein auf mich

mein Ringen nach Sprache
Suche nach Ausdruck
treibt mich um die Welt

Irrlauf durch verwunschne Labyrinthe
wo Dornenhecken kleine Fleischstücke
aus mir reißen

eine Lache hinter mir herziehend aus stockendem Blut
erreiche ich mein Ziel

halbblind
halbtaub
erblicke ich ein fernes Licht

wirst Du Platz finden an diesem Ort?

Michael Weber, Frankfurt den 02.02.2002

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ende sommer tag

Milchiggrüner Kanal
Seitenarm

lagunengrün

Blütenstaub auf stockendem Gewässer
puderzuckergleich

Seewind streift herbstliche Baumkronen
küsst Sonnenlicht

Rascheln sterbender Blätter vereint
mit abendlichem Geschirrgeklapper
offener Fenster

Fernab murmeln Menschen
eine Mutter ruft ihr Kind

Ein grantiger Mensch
Spuckt schaumigweißen Speichel
Von der Kanalbrücke

Verharrt während seine Augen
zu Schlitzen werden
Spitzt den Mund verächtlich

Was er wohl denkt ?

Tauben zu meinen Füßen
Picken blind Verdorbenes

Unaufhürlich tanzen der Wind
und ein vergessenes Tuch

milchiggrüner Kanalseitenarm
puderzuckergleicher Blütenstaub
auf erstickendem Gewässer

ich küsse das flüchtende Sonnenlicht

Ufergras verneigt sich
getrieben durch den Wind
ziehen Abendwolken schnell vorbei

Kann man das leben schreiben?

Michael Weber, Den Haag 15.07.2001 / Frankfurt 02.02.2002

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betty carter

Einem aufzugreisendem Architekt gleich
von Etage zu Etage gleitend
mit Zauberhand neue, andre Welten
leicht hinstreichend

kühne Hexe

raffinierte Verführerin

Vagabundin zwischen einst und morgen

Day dream
Meer voll aus Liebe
geweinter Freuden
tränen

Wunderwerk

lautlos schnurren
tausend Zahnräder
ineinandergreifend

Betty Be-Bop
strenge Meisterin
schöne Gehetzte

schwimmend
taumelnd
im Meer der Inspiration

ein schneller Blick auf die Uhr
wie viel Zeit bleibt mir noch?

Michael Weber, Frankfurt den 12.01.2002

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rauschzeichen

schneiden Stille

entzwei

nicht Gesagtes
Ungewagtes
Verzagtes
Versäumtes
Zuviel
Zuwenig
entlädt sich im
Ohrenschrei

Michael Weber, Frankfurt den 10.01.2004

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irrlicht´ner mond

zur Untermiete im Tiefkühlfach

gelassen schwebend
auf engstem Raum

azurblau
in kalter, elektrischer Nacht

geduldig wartend auf Nichts

was ist schon ein Ort?

Michael Weber, Januar 2008

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eisenbett

Erstarrte Landschaft
aus der Zeit gefallen

zwischen Eisenross und Gleisbett
weinen blutleere Bruchstücke
einstigen Lebens

ein letzter Kuss
von stählernen, kalten Lippen
voll wilder, ungezähmter Lust

Beamte knobeln in greller Scheinwerfernacht
mit schwarzen Engeln
um den pulverisierten Leib

und küssen behutsam das
geschundene Fleisch

Michael Weber, Februar 2008

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